Rz. 154

Alkoholkonsum ist nicht gleich Alkoholkonsum. Es existieren verschiedene Formen des Konsums, die von (harmlosem) Gelegenheits- oder Genusstrinken über Alkoholmissbrauch bis hin zur Abhängigkeit reichen können. Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind erreichte BAK-Werte, Häufigkeiten und Mengen des Konsums sowie Gewöhnungseffekte. Ein Genusstrinker, der maximal 0,5 l Wein an einem Abend trinkt, wird bei 2 l Wein (20 Standardgläser oder fast 3 Flaschen Wein) – soweit er dies überhaupt schadlos (also ohne Rebellion des Magens) und ohne vorher einzuschlafen erreicht – schwere Zeichen der alkoholischen Beeinträchtigung zeigen. Es wird ihm in der Regel fast unmöglich sein, mit dem Schlüssel das Zündschloss seines Autos zu treffen und auch das Fahren wird ihm kaum möglich sein – ohne entsprechendes "Training". Diese Formulierung eines "Trainings" ist allerdings die Verharmlosung eines beunruhigenden Tatbestandes, nämlich der zunehmenden Alkoholtoleranz bei gewohnheitsmäßigem Vieltrinken, also bei Alkoholmissbrauch und sich entwickelnder Alkoholabhängigkeit. Die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Stufen des Alkoholkonsums sind fließend. Nach dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2012 besteht bei 3,1 % der 18–64-jährigen Deutschen ein Alkoholmissbrauch, während bei 3,4 % schon von einer Alkoholabhängigkeit im Sinne des DSM-IV gesprochen werden muss. Diese Diagnosen kommen häufiger bei Männern als bei Frauen und häufiger in der Altersgruppe der 18–20-Jährigen als bei älteren Gruppen vor.[39] Diese Problematik wird vor allem dem Betroffenen erst spät – wenn überhaupt – bewusst. Bei der Unterdrückung der selbstkritischen Erkenntnis, dass hier eine Fehlentwicklung droht oder bereits eingetreten ist, hilft den Betroffenen u.a., dass sie sich soziale Umwelten suchen, an denen gemessen ihr Alkoholkonsum in Häufigkeit und Ausmaß (noch) relativ normal erscheint. Ganz in diesem Sinne berichten dann auch Suchttherapeuten, dass abhängige Menschen es über sehr lange Zeit fertig bringen, sich selbst und andere in der Überzeugung zu bestärken, dass ihr Trinkverhalten doch "normal" und "verständlich" sei. Viel zu trinken ist in diesem Sinne normal, wenn

der "eigene" Fußballverein gewonnen oder verloren hat,
ein Ehekrach begonnen oder beendet wurde,
unverhofft eine schlechte oder eine besonders gute Nachricht, auf die man lange gewartet hat, eintrifft.

Dies sind nur ein paar der scheinbar unendlich vielen, denkbaren Gründe für einen erhöhten Alkoholkonsum.

 

Rz. 155

Nach allen Erfahrungen der Suchtexperten ist es selten, dass Betroffene eine ausreichend selbstkritische Bewertung ihres Trinkverhaltens zeigen und dieses als problematisch einstufen. In aller Regel geschieht dies erst unter sozialem Druck:

in der Familie, wenn z.B. der Partner das Trinken und die Trinkexzesse mit allen damit verbundenen Auswirkungen nicht mehr zu akzeptieren bereit ist,
im Beruf, wenn der Vorgesetzte den "blauen Montag" nicht mehr hinnehmen will oder
im Straßenverkehr, wenn die Fahrerlaubnis entzogen wird.

Dabei kommt es für den Betroffenen darauf an, diese sozialen Klippen als Chance zu werten und zu nutzen, um eine "Umkehr" im Umgang mit Alkohol einzuleiten.

 

Rz. 156

Auf der Skala von absoluter Alkoholabstinenz über soziales Trinken (oder Genusstrinken) und Alkoholmissbrauch bis hin zur Alkoholabhängigkeit befinden sich Personen, die z.B. 1,6 ‰ BAK aufweisen und damit eine relativ weite Strecke fahren konnten, mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit bereits im Stadium des Alkoholmissbrauchs. Von Alkoholmissbrauch spricht man, wenn es bereits zu schädlichen körperlichen, psychischen oder sozialen Folgen durch den Alkoholkonsum gekommen ist, jedoch noch keine Abhängigkeit vorliegt. Prinzipiell ist jede Person, die regelmäßig einen riskanten Alkoholkonsum (Frauen >12 g Reinalkohol/Tag, Männer >24 g Reinalkohol/Tag)[40] betreibt, gefährdet. Etwa ab 1,6 ‰ Blutalkoholkonzentration geht auch die Fähigkeit verloren, das Trinkverhalten überhaupt kontrollieren zu können. In nicht kontrollierbarer Weise gehen die Situationen, in denen Alkohol getrunken wird, immer häufiger in Trinkexzesse über, die dann in schweren Rauschzuständen enden. Der Rausch ist aber ein Zustand, in dem vernünftige Entscheidungen nicht mehr möglich sind, und zwar per definitionem. Denn es ist doch in gewisser Weise der ganze Sinn des Rausches, sich von der Realität zu lösen, Rücksichten fallen zu lassen und Hemmungen zu überwinden. In diesem Zustand ist eine verlässliche, normkonforme, vernünftige und risikomeidende Entscheidung, wie die, jetzt nicht mehr zu fahren, in aller Regel kaum noch gewährleistet. "Trinken" und "Fahren" hundertprozentig sicher trennen zu wollen bzw. zu können, ist im (schweren) Rauschzustand grundsätzlich eine Illusion.

 

Rz. 157

 

Praxistipp

Insofern werden die Gutachter in derartigen Fällen auch nicht zufrieden sein können mit dem pauschalen Vorsatz, Trinken und Fahren in Zukunft strikt trennen zu wollen. Zielführend in diesen Fällen ist nur, auch bei Aussc...

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