In der Krise wird oft als erstes an der Weiterbildung gespart. Seminarbudgets werden eingefroren, Coaching wird als Luxusmaßnahme gekürzt. Wie sieht es in der aktuellen Finanzkrise aus? Merken Personalentwickler schon die Auswirkungen? Ein kurzes Stimmungsbild aus Wirtschaft und Weiterbildungsbranche.
Während man beim Softwarekonzern SAP mit Einstellungstopps und reduzierten Dienstreisen auf die Finanzkrise reagierte, scheint die Weiterbildungsbranche bisher noch nicht massiv unter der Bankenmisere zu leiden. So hätten Firmen in den vergangenen zwei Jahren wieder vermehrt in Weiterbildung investiert, sagt etwa Peter Schliebeck von der Deutschen Angestellten Akademie (DAA) gegenüber wirtschaft + weiterbildung. Insgesamt war 2008 ein gutes Jahr für die Weiterbildung. Die Tatsache, dass auch die jüngsten Zahlen aus dem Arbeitsmarkt auf Besserung hoffen lassen, sieht er als logische Reaktion auf den Fachkräftemangel, der aus der größten Krise der Weiterbildung zwischen 2003 und 2006 resultierte und weniger auf wirtschaftliche Nöte als auf politische Entscheidungen zurück zu führen war.
Rückgänge bei Aufstiegsfortbildung?
Dass Personaler großer und vor allem mittelständischer Unternehmen in absehbarer Zukunft aber dennoch auf die aktuelle Bankenmisere reagieren werden müssen, schließt Schliebeck nicht ganz aus: „Wir erwarten vor allem in der Aufstiegsfortbildung Rückgänge, weil hier erhebliche private Investitionen über viele Monate hinweg geleistet werden müssen.“ Zwar macht die DAA einen Großteil ihrer Umsätze mit öffentlich geförderter Weiterbildung, daher treffen diese Institution Wirtschaftskrisen entweder mit Zeitverzögerung oder antizyklisch, aber ein Teil des Umsatzes wird auch privat erwirtschaftet - hier sind die Auswirkungen direkter spürbar. Darum will man bei der DAA nun verstärkt auf Kunden einwirken und ihnen klar machen, dass auch in Krisenzeiten nicht an guten Mitarbeitern und deren Bildung gespart werden dürfe. „Wir geben uns große Mühe, das den Kunden klar zu machen. Das weiß auch jeder, aber Weiterbildung ist ein weiches Gut und da alles teurer wird, wird im Zweifel bei den Firmen doch vorsichtshalber gespart.“
Einige Firmen hüllen sich in Schweigen
Auch bei SAP verkauft man die Sparmaßnahmen als reine Vorsichtsmaßnahmen, falls die Krise länger dauern sollte. Obwohl die IT-Branche weiter über den Mangel an Fachkräften klagt, hängt es nun davon ab, wie schnell die Finanzkrise bewältigt wird, ob und wann wieder neue Jobs geschaffen werden. Andere Großkonzerne, wie etwa Microsoft Deutschland oder Nestlé, teilte in einem Schreiben mit, dass sie in der derzeitig schlechten wirtschaftlichen Lage keine Statements dazu abgeben werden, wie man in der Personalentwicklung auf die Krise reagiert.
Die Bayer-AG scheut sich hingegen nicht, über ihre Krisenpolitik zu berichten. Personalentwicklerin Elke Ickenstein hält die Förderung und Entwicklung von Mitarbeitern auch wichtig in Zeiten, in denen Experten des Bundesfinanzministeriums dem Wirtschaftswachstum in Deutschland für 2009 nur noch 0,2 Prozent prognostizieren: „Die Entwicklung unserer Beschäftigten ist eine tragende Säule der Bayer-Personalpolitik. Deshalb werden die unterschiedlichen Personalentwicklungsmaßnahmen auf dem bisherigen hohen Standard fortgesetzt – auch in Zeiten der Finanzkrise.“ Ickenstein hielte es für grob fahrlässig, ausgerechnet jetzt auf eine gute Personalentwicklung zu verzichten. Gerade in der Krise müsse man der Geschäftsleitung deutlich machen, wie wichtig qualifizierte und vor allem engagierte Mitarbeiter für das Bayer-Unternehmen sind. „Sie tragen mit ihren Ideen, ihrem Wissen und ihren strategischen Überlegungen dazu bei, gerade in schwierigen Situationen handlungsfähig und für die Zukunft erfolgreich zu bleiben“, so Ickenstein.
Mit Qualifizierungsangeboten Mitarbeiter in der Krise binden
Auch bei der Deutschen Telekom AG will man nicht wie etwa 2007 an der Weiterbildung sparen. Telekom-Personaler Christian Fischer sieht gerade jetzt eine Notwendigkeit in der Mitarbeiterbindung: "Dazu gehören vor allem Weiterbildungsangebote für unsere Talente im Bereich der Fach- und Führungskräfte, aber auch die umfangreiche Service-Qualifizierung an der Basis." Insgesamt werden die Ausgaben für Weiterbildung bei der Telekom 2008 sogar höher sein als im Vorjahr, die Tendenz bei den Qualifizierungskosten ist leicht steigend. Das Thema Investition in Kompetenzen und damit in die Zukunftsfähigkeit der Mitarbeiter, ist im Konzern ein Schwerpunkt, nicht nur, weil die Telekommunikationsbranche die technische Weiterentwicklung der Netze erfordert, sondern weil es vor allem in Krisenzeiten erforderlich ist, "gerade den besonders engagierten Mitarbeitern eine sichere Perspektive zu bieten und eine Bindung zu schaffen", so Fischer.
Vergleich mit der Krise 2000 hinkt
Massive Konjunkturprobleme gab es auch früher, um nur die Rezession im Jahr 2000 zu nennen, die nach dem Platzen der Internetblase über Deutschland hereinbrach. Die reale Wirtschaftsentwicklung hatte nicht gehalten, was der IT-Markt vorgaukelte. „Diese Krise hatte wenig Einfluss auf die Weiterbildungsbranche“, so der stellvertretende DAA-Geschäftsführer Schliebeck. „Diese Rezession war lediglich eine Korrektur überschießender Gewinnerwartungen an den Börsen“, sagte kürzlich Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser der Süddeutschen Zeitung. Die Auswirkungen, die der Weltwirtschaft hingegen nun drohen, seien mit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre zu vergleichen.
Trend geht zu eigenverantwortlicher Weiterbildung
Es wäre nach den pessimistischen Expertenprognosen nicht weiter verwunderlich, wenn auch Budgets für die Weiterbildung eingefroren würden. Ingo Karsten, Geschäftsführer von Europas größtem Fernlehrinstitut ILS, denkt, dass einige Unternehmen zumindest kurzfristig an der Weiterbildung werden sparen müssen. „Ich erwarte jedoch keine Einsparungsmaßnahmen“, so Karsten. Der Trend gehe seit einiger Zeit sowieso in Richtung eigenverantwortliche Weiterqualifizierung durch die Beschäftigten, wenn auch in Teilen vom Arbeitgeber unterstützt und bezuschusst.
Beim ILS jedenfalls übersteigen die Anmeldezahlen bis dato deutlich die Anmeldezahlen aus dem Oktober 2007. Gerade die Firmenkunden haben zusätzlich Rahmenverträge mit dem ILS abgeschlossen, um Mitarbeitern, die sich auf eigene Initiative weiterbilden wollen, günstige Studiengebühren zu ermöglichen. Man profitiere in der berufsbegleitenden Weiterbildung in gewisser Weise sogar von der Krisenstimmung, meint Karsten, „weil sich die Menschen Gedanken um ihren Arbeitsplatz und um ihre Zukunft machen.“
Henkel investiert weiterhin
Vielleicht beteiligen sich aus dieser Furcht heraus auch die SAP-Vorstände am Sparen: Sie opfern zehn Urlaubstage und wollen künftig nur noch Economy auf Dienstreise fliegen. Dass es weitere Sparmaßnahmen geben wird, schloss der Konzern gegenüber wirtschaft + weiterbildung nicht explizit aus. So wurden die Mitarbeiter bereits aufgerufen, ihren Urlaub freiwillig zu opfern. Die Entscheidung, ob Budgets in der Personalentwicklung eingefroren werden, steht in Details noch aus. „Wir sind momentan in der so genannten Quiet Period und werden am 28. Oktober unsere Zahlen präsentieren, bis zu diesem Zeitpunkt werden wir uns nicht weiter zu den angedachten Sparmassnahmen äußern“, sagte Konzernsprecherin Iris Eidling.
Bei der Henkel-Group in Düsseldorf hält man sich weniger bedeckt. "Wir haben unsere Seminare und Qualifizierungsgprogramme vorerst auf das nächste Jahr verschoben“, teilte Fridjof Helemann, Corporate Vice President HR mit: „In den aktuellen stürmischen Zeiten möchten wir die Kräfte bündeln und alle Mitarbeiter an Bord haben. Denn nur durch gemeinsame Anstrengungen bleibt das Unternehmen zukunftsfähig und am Markt erfolgreich. Die Mitarbeiter sind die wichtigste Resource für unseren Unternehmenserfolg. Aus diesem Grund wird Henkel auch zukünftig in das Wissen, die Kreativität und soziale Kompetenz seiner Mitarbeiter investieren."
Mehr zum Thema Personalmanagement und Finanzkrise auf dem Themenportal Personal:
Dave Ulrich: Die Krise ist Chance für HR
Was Sie bei Sparmaßnahmen beachten müssen
Die Online-Angebote der Haufe Mediengruppe: