



10.03.2010 | Praxis
Acht von zehn Mitarbeitern gehen auch krank zur Arbeit. Dies hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ermittelt. Jeder Zweite ist sogar schon mehrfach zur Arbeit gekommen, obwohl er sich "richtig krank" fühlte. Gerade in der Krise ist dieser "Präsentismus" ein Problem.
Überstunden bis spät in die Nacht
Unbezahlte Mehrarbeit ist zum einen bei Akademikern und Führungskräften verbreitet, wie die Daten des DGB verdeutlichen. Zum anderen bei Mitarbeitern, die um ihren Arbeitsplatz bangen: "Präsentismus und Überstunden haben durch die Wirtschaftskrise zugenommen, und ich fürchte, wir haben den Gipfel noch nicht erreicht", sagt Elke Diehl, die als Coach in Freudenberg arbeitet.
"Präsentismus" nennen Experten das Phänomen, wenn Mitarbeiter Überstunden schieben oder krank zur Arbeit kommen, um einen guten Eindruck beim Chef zu machen. Damit tun sie auf lange Sicht aber weder sich selbst noch dem Betrieb einen Gefallen: Denn wer sich überlastet, ist schnell unkonzentriert und macht mehr Fehler als sonst. Und wenn Mitarbeiter ausfallen, weil sie bis zum Umfallen schuften, drückt das letztlich die Produktivität.
Vorgesetzte haben wichtige Vorbildfunktion
Der beste Schutz gegen chronische Überlastung seien die richtigen Vorbilder, sagt Stephan Kaiser, Professor für Personalmanagement an der Universität München. "Der Vorgesetzte muss das vorleben und unterstützen." Dass "Extremjobber" Probleme mit der Work-Life-Balance bekommen, sei mitunter aber ein knallhartes wirtschaftliches Kalkül: "Gewisse Konzernkarrieren funktionieren nicht ohne Überstunden."
Zwar gibt es Kaiser zufolge Naturelle, die eine 60- bis 80-Stundenwoche auf Dauer durchhalten. Die Mehrheit komme aber nach ein paar Jahren zu der Erkenntnis: "Das ist nicht das Leben, das ich führen will." Dann sei es Zeit für ein Gespräch mit dem Vorgesetzten und eine Beratung. Denn sonst drohen ein Burnout, Panikattacken vor dem Bildschirm oder die innere Kündigung. Und wenn sich an dem Problem nichts ändert, wirkt sich das auch auf die Arbeitshaltung aus: "Trendstudien besagen, dass sich die Grundeinstellung zur Arbeit wandelt und die Loyalität zum Arbeitgeber abnimmt", erläutert Kaiser.
Dokumentation der Arbeitszeiten ist erforderlich
In Betrieben ohne Zeiterfassungssystem dokumentiert der Arbeitnehmer am besten einige Wochen lang seine Aufgabenstellungen und wie lange er dafür benötigt hat, rät der Rechtsanwalt Andreas Reichhardt aus Stuttgart. Während in großen, gut organisierten Betrieben die Personalabteilung auf die Mehrarbeiter zukommt und nach Lösungen sucht, würden Überstunden in kleinen und mittleren Betrieben oft nicht protokolliert.
Fünf Überstunden pro Woche sind die Regel
Vollzeit-Beschäftigte in Deutschland machen im Schnitt fünf Überstunden pro Woche. Das hat eine repräsentative Studie im Auftrag des DGB ergeben. So arbeiten Vollzeitkräfte im Schnitt 44 Stunden pro Woche, obwohl im Vertrag nur 39 Stunden stehen. Jeder zehnte Beschäftigte kommt sogar auf 50 Wochenstunden und mehr. Bei Teilzeitbeschäftigten sind drei Überstunden in der Woche Stunden die Regel. Insgesamt sagt jeder fünfte Arbeitnehmer, dass seine Überstunden ganz oder zum Teil unbezahlt verfallen.
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dpa / Haufe Online Redaktion
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