Aktuelles Interview: Nano-Control gegen Tonerstaub

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19.05.2008 | Praxis

Opfer schützen und Täter ausfindig machen. Hans-Joachim Stelting setzt sich dafür ein, dass Verbraucherinnen und Verbraucher nicht länger im Dunkeln tappen. Das unbekannte Dunkel: der schwarze Staub des Toners. Der frühere Kriminalhauptkommissar ist das erste deutsche "Toneropfer". Seine Krankheit wurde 1996 vom Personalamt der Hamburger Innenbehörde anerkannt. Seitdem ist er außer Dienst. Im Gespräch mit der Haufe Arbeitsschutz-Redaktion erläutert Hans-Joachim Stelting, Gründungsmitglied der Interessengemeinschaft Tonergeschädigter und der Internationalen Stiftung nano-Control, warum vermutlich über 16 Millionen Nutzer von Laserdruckern einem unsichtbaren Risiko ausgesetzt sind: dem Feinstaub.

Sie sind selbst Geschädigter! Wie haben Sie das festgestellt?

H. Stelting: 1990 bin ich an einer Sommergrippe erkrankt. Das dachte ich zunächst. Doch Halsschmerzen, Schnupfen und Husten gingen wochenlang nicht weg. Dann traten Luftnot und Asthma auf. Nach zwei Jahren stellte ich fest, dass mein Kollege ähnliche Symptome hatte. Da machten wir uns auf die Suche und wurden bei unserem Laserdrucker im Büro fündig. Wir sammelten Beweise, dokumentierten und dann stand es auch von Seiten eines Gutachters fest: Der Toner des Druckers war Schuld an unseren Beschwerden.

Warum ist es so schwierig, Tonerbeschwerden rechtzeitig zu erkennen?

H. Stelting: Die Beschwerden sind zunächst banal. Und so werden sie oft nicht ernst genommen. Erst nach Monaten treten schwerwiegendere Symptome ein. Doch dann ist leider oft bereits eine chronische Schädigung erfolgt. Wir gehen davon aus, dass 70 Prozent der Betroffenen einen chronischen Schaden davontragen. 20 Prozent müssen sogar ihren Beruf aufgeben. Allerdings wiegelt die Berufsgenossenschaft das Thema ab. Und die zuständigen Behörden klären die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht auf.

Doch die Gegner werden leiser, die Argumentation verändert sich. Früher tönte es: Toner kann keine gesundheitlichen Probleme machen, da er ja gar nicht rauskommt. Doch die Universität Gießen hat das mit ihrer Studie widerlegt. Und auch die LGA Bayern hat nachgewiesen, dass Toner, Ozon und weitere Stoffe in die Luft geblasen werden. Und zwar ungefiltert.

Richtlinien und Gütesiegel – reichen die nicht aus?

H. Stelting: Bereits 1999 haben wir namhafte Hersteller über die Forschungsergebnisse informiert. Doch passiert ist nichts. Mit nano-Control wollen wir jetzt zusammen mit der deutschen Industrie mit dem Projekt „Sicher drucken“ konkrete Schritte umsetzen. Unsere Ziele sind: Vermeidung von Schadstoffen in Toner, das Verbot von Tonern, die Nickel, Benzol und andere Schwermetalle und Gefahrstoffe enthalten, Einbau von Filtern in die Geräte. Aber vor allem müssen auch neue Standards festgelegt werden. Das Gütesiegel „Blauer Engel“ beispielsweise wiegt den Verbraucher in einer Scheinsicherheit. Denn geprüft wird nicht auf Ultrafeinstaub. Und Toner besteht heute daraus. Damit Sie eine Vorstellung bekommen: Die Geräte emittieren bis zu einer Million Partikel pro Kubikzentimeter Raumluft. Die Teilchen sind ultrafein. Deshalb nennt sich unsere Stiftung auch nano-Control. Denn wovor wir warnen und worüber wir aufklären, das ist unvorstellbar klein, aber enorm gefährlich. Einige Partikel konnten schon als Schwermetalle und flüchtige organische Verbindungen identifiziert werden.

Gerade sind die EU-Richtlinien verschärft worden. Der Außengrenzwert für Feinstaub (PM 10) liegt jetzt bei 50 Mikrogramm. Bei der Toner-Pilot-Studie der Universität Gießen im Auftrag desBundesinstituts für Risikobewertung (BfR) lag die Grundbelastung in den Büros aber bei 60 Mikrogramm! Und die Messwerte reichten sogar bis 250.

Schauen Sie doch selbst einmal, wo überall Laserdrucker stehen: selbst in Krankenhäusern und Arztpraxen, dort, wo den Menschen gegen ihre Krankheit geholfen werden soll. Wir gehen davon aus, dass Hunderttausende Hilfe brauchen.

Eine gewaltige Zahl – worauf basieren solche Hochrechnungen?

H. Stelting: 2006 wurde in Trier das gesamte Polizeipräsidium evakuiert, nachdem ein Großteil der Beschäftigten erkrankt war. Ein kleines Kollektiv der Beamten wurde in der Klinik untersucht. Von den elf Personen litten sieben an Asthma. Das Gebäude hatte sie krank gemacht: Sick-Building-Syndrom (SBS) also? Ja und nein. Das SBS tritt erst seit den 70er Jahren massiv auf – seit Drucker und Kopierer mit Trockentoner auf dem Markt sind. Da jedoch Drucker nicht gleich Drucker und Toner nicht gleich Toner ist, sind die Emissionen sehr unterschiedlich.

Worin liegt für Sie die größte Gefahr?

H. Stelting: Am schlimmsten ist die Unwissenheit. Als Verbraucher erfahren Sie nichts. Testungen auf Unbedenklichkeit gibt es bis heute keine. Unverständlich dagegen sind die Hinweise einiger Hersteller: Tonerstaub nicht einatmen! Wie soll das denn gehen, wenn der Staub in der Luft ist?

Oder andere, die immer noch behaupten, für die Feinstaubbelastung nicht verantwortlich zu sein. So wie das vor wenigen Jahren der Fall war, nachdem eine Untersuchung in Australien gescheitert war, die dazu beitragen sollte, den Feinstaub von der Straße aus den Büros fernzuhalten. Die Forschung brachte allerdings ein anderes Ergebnis als erwartet: Die Belastung kam nicht von außen, sondern von den Laserdruckern in den Büros.

Einer meiner schlimmsten Fälle verdeutlicht auf grausige Weise, welche Folgen Toner haben kann: Einer Frau fiel eine Tonerkartusche herunter. Dabei wurde sie von Kopf bis Fuß mit dem schwarzen Tonerstaub überzogen. Nach einigen Tagen fielen der Frau zuerst die Kopfhaare aus, dann die Körperbehaarung. Für solche Symptome ist Tributylzinn (TBT) verantwortlich, das zunehmend in Tonern vorhanden ist. TBT senkt das Östrogen und steigert das Testosteron, das „vermännlicht“. Und es führt bei Frauen zum Beispiel dazu, dass die Regelblutung ausbleibt. So auch im oben beschriebenen Fall, bei dem TBT im Toner nachgewiesen wurde. Bei der ärztlichen Untersuchung wurde außerdem eine hochgradige Belastung mit Aluminium entdeckt. Das Metall war ebenfalls Bestandteil des Toners. Wer ständig Bürogeräten mit Lasertechnik ausgesetzt ist, sollte einmal eine Haarprobe auf Schwermetalle prüfen lassen.

Seit Neuestem sehen wir uns einem weiteren Problem gegenüber: Produktpiraterie. Billigtoner aus China nimmt in der Zwischenzeit vor Zigaretten Platz drei ein. Und da weiß wirklich niemand mehr, was alles drin steckt. Die Kartuschen sind ideale Behälter zur „Abfallbeseitigung“.

Interessengemeinschaft und Stiftung – worin liegt der Unterschied?

H. Stelting: Am Anfang gab es nur die Interessengemeinschaft Tonergeschädigter. Der Schwerpunkt der Interessengemeinschaft liegt heute bei der Betreuung der Betroffenen. Aufgabe genug, denn bis jetzt haben sich bereits 1.800 Menschen bei uns gemeldet und suchen Rat und Hilfe.

Seit April gibt es die Stiftung nano-Control. Sie wurde – wie ehemals die Interessengemeinschaft – von Privatpersonen, überwiegend Betroffenen, ins Leben gerufen und finanziell ausgestattet. Aufgabe der Stiftung ist es, den Klärungsprozess über Toner-Feinstaub voranzutreiben. Denn sowohl Staat als auch Hersteller reagieren nicht auf die Gefahr, die von Toner ausgeht. Wir machen Medienarbeit, bringen Forschung in Gang und unterstützen die Wissenschaftler mit unseren Daten und Fakten.

Unser Ziel ist es seit jeher, auf Lösungen hinzuarbeiten. Dazu gehören: schadstofffreie Toner, Einbau von Feinstaubfiltern in die Geräte bereits bei der Herstellung, unverzügliche Aufklärung der Nutzerinnen und Nutzer, sofortiges Nachrüsten mit Filtern bei Geräten die noch in Gebrauch sind, Verbot von schadstoffhaltigen Produkten sowie verstärkter Gebrauch von gesundheitlich unbedenklichen Tintenstrahl- oder Gel-Druckern.

Herr Stelting, vielen Dank für das Gespräch.

Interessengemeinschaft Tonergeschädigter

Weitere Informationen finden Sie im Top Thema: Toner – staubige Angelegenheit mit gesundheitlichen Folgen?

Diskutieren Sie zum Thema Tonerstaub auch in unserem Forum: Krank durch Tonerstaub?


QuelleAutorin: Bettina Brucker M.A., Freie Journalistin und Autorin